Sie haben es wieder getan, Martin Suter (im Folgenden: S) und Benjamin von Stuckrad–Barre (im Folgenden: SB). Nach „Alle sind so ernst geworden“ liegt ein weiterer gemeinsamer Band der beiden vor, und man gewinnt abermals den Eindruck, hier würde ein besonderes Verfahren des Dialogs, der flirrenden Kommunikation, gepflegt, eins, das sich vornehmlich aus den Grundelementen Reiz und Reaktion speist. Unverzüglich leuchtet da ein Feuerwerk der Aperçus auf, der wild–kreativen Assoziationen, mal genial, mal genial daneben oder oft schlicht hinreißend albern. Vorgegeben ist stets eine Art Leitthema („Blumen“, „Camping“, „Albträume“ etc.), was nichts weiter bedeutet, denn es ist der Sache fest eingeschrieben, dass man palavernd abdriftet, nur um, wenn es gar zu doll wird, vom Gegenüber wieder eingefangen zu werden. Dann tüftelt man halt weiter, erwägt, nur als Beispiel, Unterschiede zwischen „Mitleid“ und „Beileid“, mokiert sich über den Begriff der „Literaturlandschaft“ (die für SB ohnehin ein „Sumpfgebiet“ ist) und kann das begonnene Klarstellungsprogramm bald nicht mehr anhalten.
Jedenfalls unterhaltsam, was der mittlerweile 77–jährige Suter und der 50–jährige Stuckrad–Barre sichtbar gut aufgelegt da von sich geben, bemerkenswert, wie passgenau sie sich oftmals die Bälle zuwerfen. Dabei gibt es durchaus auch autobiografisch relevante, ernsthafte Einsprengsel, aber die sind vergleichsweise selten. Im Kapitel „Sisyphos“ fragen sich beide, wo Sisyphos eigentlich hinwollte mit dem Stein, den er den Berg hinaufrollte. SB meint: „Zum Meer vielleicht, alle wollen doch immer zum Meer.“ S. bringt Asterix und Obelix ins Spiel: „Obelix hätte den Hinkelstein einfach über den Berg drübergeworfen, von ganz unten, und fertig…“ Von diesem Klamauk abgesehen: Lieber untersuchen sie gängige, generell nicht hinterfragte Begriffe wie „Trauer“– und „Beziehungsarbeit“, Wörter wie „Nasszelle“ oder „Zweckmäßigkeit“ – um gleich deren semantisches Gefüge einmal gründlich durchzurütteln.
Fraglich, ob bestimmte Statements tatsächlich so gefallen sind, einiges wirkt sehr auf Originalität getrimmt und zu geschliffen, als dass es spontan über die Lippen gekommen wäre. Etwa, wenn SB von der „Endkonsumentenfeedbacksprache“ redet oder von Schriftstellern, die sich zu gesellschaftspolitischen Diskursen äußern, diese „Debatten–Muppets im Wahnerleben ihrer Universalkompetenz“. Derart gedrechselt spricht nicht einmal ein Richard David Precht.
Der vielleicht schönste Moment aus der Fülle der Themen ist, wenn die beiden Herren, die schon auf dem Buchcover pfauähnlich in Erscheinung treten, ausgerechnet über Eitelkeit reden – als ahnten sie, dass sie das Thema hier gar nicht umgehen könnten, berührt es doch ihren Wesenskern. S.: „Was, glaubst du, findet unser Lesepublikum wohl eitler: deine Fabulierfreude oder meine einsilbige Meisterschaft?“ SB: „Beides gleich eitel. Und in der Kombination unschlagbar.“ Und danach geht es gleich wieder um profanste Dinge, vor allem um Suters Haare, wo tatsächlich der haarsträubende Verdacht im Raume steht, sie könnten gefärbt sein.
Alles eitel? Geschenkt! Man verzeiht den beiden ihren Narzissmus, da ihre Fabulierfreude gleichzeitig durch die konsequente Sabotage eines Sich–ernst–Nehmens abgefedert wird. Man wähnt sich manchmal bei Käpt’n Blaubär oder mehr noch in der Sesamstraße, wenn es um suggestive oder scheißkluge Antworten auf scheinbar knifflige Fragen geht. Hier wird etwa das Entstehen des Universums (darunter machen es die Herren nicht) an dem „Verhalten“ eines Rasenmähroboters festgemacht, mit der abschließenden Frage, ob der Rasenmähroboter uns evolutiv wohl überlegen sei? Sie bleibt leider unbeantwortet, die Frage, Zeit für uns, länger darüber nachzudenken.
Martin Suter / Benjamin von Stuckrad–Barre: Kein Grund, gleich so rumzuschreien. Diogenes Verlag, Zürich 2024, 313 S., 26.-€
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