Zwei Glasaugen, jeweils in aufgerissene weiße Luftballongummis gehüllt, ruhen auf kleinen Podesten, deren Konstruktion trotz der Verhüllung auf kleine banale Alltagsgegenstände schließen lässt. Die Augen sind gleichförmig, die Podeste nicht. Eines ist größer und klarer gerundet. Die Augen sind so ausgerichtet, dass sie einen aufmerksam anschauen. Eine Lichtquelle spiegelt sich in den Iriden. Wir blicken die Augen an, und die Augen blicken uns an.
Die Komposition auf weißem Grund ist ein Spiel mit nur wenigen Fundstücken, und doch öffnet sie ein Universum an Assoziationen. Porträts von Frauen mit weißer Haube aus der frühen Neuzeit stellen häufig den Blick der Dargestellten in den Fokus und verfeinern dadurch die charakterliche Pointierung. Die Verhüllung der Frauen im Orient lässt zum Schutz vor begierigen Blicken oft nur die Augen frei. Manche Tiere bergen ihre Augen ähnlich wie hier unter den halb geschlossenen Lidern. Das Weiß erinnert an Reinheit, die teilweise Verhüllung an eine Schutzfunktion. Mit dem Werktitel HILDEGARD VON BINGEN sind wir jedoch gelenkt, die Wahrnehmung der Glasaugen nicht nur zu kanalisieren, sondern auch zu personalisieren. So sehen wir uns Hildegard von Bingen gegenübergestellt, die im zwölften Jahrhundert und bis heute vor allem durch ihre Visionen, aber auch durch ihre Schriften, ihre Musik, eine erfundene Sprache und vieles mehr Laien wie Forschende beschäftigt. 2012 wurde sie durch Papst Benedikt XVI heiliggesprochen und zur ‚Doctor Ecclesiae universalis‘ erklärt. Sie ist eine der vier anerkannten Kirchenlehrerinnen.
Eine liebenswerte Spielerei mit kleinen Fundstücken, dazu ein großer Name als Titel – und schon ist das Kunstwerk fertig? Steht die Arbeit im Gefolge von Duchamps Urinal, das er 1917 „Fountain“ nannte und mit „R. Mutt“ signierte? Eine Ikone der modernen Kunstgeschichte! Nein. Es geht nicht um ein Verfolgen konzeptuell neuer Strategien. Heinke Haberland spielt ganz einfach. Und im Spiel entdeckt sie intuitiv Vernetzungen und Assoziationen visueller und intellektueller Natur. Hildegard von Bingen hatte die Gabe der Schau: sie schaute nach innen und empfing Visionen, in denen sie die Ganzheitlichkeit der Schöpfung, den Makrokosmos im Mikrokosmos erkannte. Heinke Haberland ermuntert mit ihrer Arbeit, den Blick spielerisch zu öffnen, um das Große im Kleinen, den Ernst im Schalk zu sehen und sich die Wunder dieser Welt zu vergegenwärtigen. Es muss ja nicht gleich die Gesamtschau der Schöpfung sein!
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